Sudetendeutsche, Heimatvertriebene, Haus der Heimat in Wien, Sudetendeutscher Heimattag, Märzgedenken, Zeitgeschichte, Böhmen-Mähren, Sudetendeutscher Pressedienst, Sudetenpost, Publikationen
Ostschicksal als Aufgabe

Wien, am 15. Jänner 2014

Ostschicksal als Aufgabe

Die Zukunft Europas wird gekennzeichnet durch das Verlassen des bislang herrschenden hegemonialen Gedankens. Die letzte versuchte Verwirklichung in der weltrevolutionären Bewegung des Marxismus – Leninismus im Aufeinandertreffen des europäisch hegemonialen deutschen Nationalsozialismus wurde im Chaos zu Grabe getragen, nachdem im Zeichen der Gegenreformation schon Spanien und später in der Folge der französischen Revolution der napoleonische Versuch gescheitert waren.

Allen diesen Aufbrüchen war der politische Wille, Europa unter der Führung einer Nation als Einheit zu formen Pate gestanden. Die Folge war die Entkräftung eines Kontinents, der in der Zersplitterung gegenüber den seit Ende des II. Weltkriegs etablierten Großmächten, den USA, Russland und China, politisch bedeutungslos wurde.

In den neuen globalen Größenverhältnissen ist jede dieser einst bestimmenden europäischen Nationalstaaten wirkungslos geworden, sodass eine so begrenzte Rivalität jetzt sinnlos geworden ist. Das haben heute die einst großen Kontinentalmächte erkannt, wenn auch die Form zu einer gültigen überzeugenden Einheit noch aussteht.

Gesucht ist die Struktur, die nun die Gefahr eines neuen Zentralismus vermeidet und ein gemeinsames Handeln in Regionen gleicher Voraussetzungen und Interessenlage ermöglicht. Grundlage und Ziel für solche Wirtschafts- und Lebensformen ist der zu weckende Wille fördernder Tätigkeit, wie er der mittelalterlichen Ostbesiedlung (mit der verbindenden Begleitung der Christianisierung) zugrundelag.

Nicht der Gedanke der Nationalisierung beflügelte das Wollen der Neusiedler, sondern der Einsatz ihrer Fähigkeiten zur Entwicklung des Raums zum Nutzen Aller, sodass bis heute die Eigenart der Völker erhalten geblieben ist.

An dieser Stelle setzt die Überlegung zur Wiederbesiedlung in unserer Zeit an. Voraussetzung ist die Bewertung dessen, was zur Entwicklung der europäischen Nationalstaaten geführt hat und das Ende im „größten Vertreibungsgeschehen der Menschheitsgeschichte“ fand (Resolution USA-Repräsentantenhaus 1998).

Die Rückkehr der Vertriebenen – auch der emigrierten Gruppen anderer Völker als der Deutschen – in ihre ostmitteleuropäische Heimat erfordert einen Wendepunkt der Weltgeschichte. Das mit dem Ende des Mittelalters in Nationalstaaten zerfallene Europa erhält sich seit ca. 1500 nur durch ein System des Gleichgewichts einander beobachtender Mächte. Mit der Entdeckung der überseeischen Länder war der Schwerpunkt der Weltgeschichte auf den Atlantik verlegt worden. Die Reichtümer der Welt waren nun Ziel für die angrenzenden Staaten Spanien, Frankreich und England geworden, die ihr Hegemonialstreben begründeten.

Mitteleuropa war in das Brackwasser der Geschichte zurückgefallen.

Die große deutsche Ostsiedlungsbewegung von 850 bis 1850 ist im innersten Wesen etwas völlig anderes als Machtstreben um deutsche Positionen gewesen und hat ihre große Leistung in der Entwicklung und Förderung der weiten kontinentalen Räume gesehen.

Die dabei berührten Völkerschaften sind nicht Gegner sondern Partner geworden und bewahrten ihre Eigentümlichkeit über die Zeiten.

War die Entstehung der westeuropäischen Nationalstaaten ein Ergebnis des aus Übersee hereinströmenden Reichtums, wurde Mitteleuropa zum Nebenschauplatz, der aber im nationalen Erwachen aller hier wohnenden Völker explosive Energien weckte. Das führte zur Zersplitterung der alten dynastischen Reiche Ostmitteleuropas und ließ die Industriebildung der späten Nationalstaaten Deutschland und Italien als Gegnerschaft erscheinen.

Der Versuch der österreichisch-ungarischen Monarchie, die Gegensätze im leidenschaftlichen Ringen der verschiedenen Sprachnationen um das Selbstbestimmungsrecht zu begrenzen, konnte den Nationalitätenkonflikt nicht glaubhaft überwinden.

Hier sind bereits die Ursprünge der Vertreibung der Deutschen des Ostens zu erblicken, wie es 1848 der panslawistische Kongress der österreichischen Länder in Prag als Zukunftsmöglichkeit erkennen ließ. Der dann nach zwei Weltkriegen Wirklichkeit gewordene Ausbruch von Haß der sich unterdrückt fühlenden Nationalitäten in der kollektiv hemmungslosen Vertreibung, Beraubung und Entrechtung (Art. 115 der Beneš-Dekrete) aller ca. 15 Millionen Deutschen des Ostens, mit über 2 Mill. Todesopfern, gibt den Vertriebenen aber auch Chancen:

Zur Wiederentdeckung der tieferen Schichten und Quellgründe des nationalen Daseins und seiner Aufgaben durch den Wegfall des verengenden Volkstumskampfes zeigt sich ein Weg der Selbsterfahrung und gerechter Bewertung. Es kann auch einen Weg weisen zu einem regionalen Bewusstsein für das Zusammenwirken gemeinsamer Interessen ohne einseitige Vorbehalte. (s. Charta der Vertriebenen v. 5. August und Wiesbadener Abkommen v. 4. Aug.1950)

Die Aufgabe einer Wiederbesiedlung stellt sich freilich nicht mehr der Vertriebenengeneration, die dies als Genugtuung für das Erlittene erleben könnte. Für Nachgeborene erschließt sich das Thema auch nicht als Rückgewinn von Heimat, die sie ja im Exilland der Eltern und Großeltern neu erworben haben. Wenn es als Aufgabe gesehen werden kann, das bedeutende ostdeutsche Erbe nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, es für die Zukunft zu retten, so geht es im Ursprung um die Wahrung der Lebenszusammenhänge und der Kenntnis der Bedingungen des Ostens.

Die junge Generation muss sich aufgerufen sehen, als Forscher und Kenner des Ostens zu wirken. Es geht nicht um die Pflege der Vergangenheit, wie es die Vertriebenenverbände auch mit Recht betreiben.

Die inzwischen tätigen Einrichtungen zum Studium des Ostens können bei entsprechender Außenwirkung Nachwuchskräfte anziehen, die den Osten als Zukunftsaufgabe sehen.

Das Zusammenwirken, das sich heute bereits wirtschaftlich manifestiert, wird aber umfassend und unbefangener vorankommen, wenn die Altlasten aus unseliger Vertreibungszeit erkannt und anerkannt werden und eine Wiedergutmachung erfahren.

Dann erst wird es wieder möglich, unbelastet miteinander zu verkehren, was schon jetzt die Jugend beider Seiten hoffnungsvoll erwarten lässt. Nicht Vorwürfe sind dann Grundlage des Gesprächs, sondern Anerkennung der geistig-kulturellen Leistungen und Gemeinsamkeiten, die aus einem gesunden nationalen Bewusstsein erwachsen.

Wenn von Wiederbesiedlung gesprochen wird, so liegt dies für eine neue Generation zunächst von neuem in der Aufgabe des Austauschs und der Kenntnis, um zukunftsbeständig zu sein. Überschaubarkeit ist dabei die Vorbedingung dauerhaften Vertrauens und Entwicklung.

In der Form regionaler Zusammenschlüsse, wie es in verschiedenen Regionen Europas schon erprobt wird, stellen nationale Egoismen noch schwerwiegende Hemmnisse dar. Regional unangepasster Zentralismus wird aber immer mehr erfahrbar, sodass das Modell der Schweiz gleichberechtigter Regionen verschiedener nationaler Zugehörigkeit für eine künftige europäische Ordnung ins Blickfeld einer Erneuerung rückt. Hier bedeutet Nationales nicht mehr Gefährdung, sondern befriedende gegenseitige Förderung.

Auf die hier besprochenen Beziehungen zu einem gefährdeten Osten zeichnet sich, bei beiderseits gutem Willen, ein möglicher Neubeginn des Ausgleichs in Frieden und Freiheit ab. Gemessen wird dies am Wahrheitswillen der Beteiligten.

E.E.Korkisch

Quellen:

  • Leopold Kohr, Die überentwickelten Nationen, Salzburg 1983
  • Wilhelm Kuhn, Berlin, Deutschland und die Konföderation, Nürnberg 1961
  • Eugen Lemberg, Völker und Volksgruppen im Exil, München 1954
  • Frederic Vester, Unsere Welt – ein vernetztes System, München 1987
  • Christian Wüst, Regionalismus – die Region als Raum und Gedanke, Freising 1997
  • E.E.Korkisch, Von der Bedeutung des Regionalen in Raumordnung, Städtebau und Hochbau,Freising 1997