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Dänen ließen 1000e Flüchtlinge sterben

Dänemark | 2.Weltkrieg | Nachkriegszeit | Flüchtlingslager | Kirsten Lylloff | Dän. Ärztevereinigung | Rotes Kreuz | Jörgen Poulsen |

Kopenhagen

Dänen ließen Tausende deutsche Flüchtlinge sterben

Utl.: Ein Bericht von Thomas Borchert in der „Frankfurter Neuen Presse“ am 1. Juni 1999

Eine neue Studie über das Sterben von mehr als zehntausend deutschen Flüchtlingen in Dänemark kurz vor und nach Kriegsende hat die dänische Öffentlichkeit aufgeschreckt. Dass unter den Flüchtlingstoten zwischen 1945 und 1949 mehr als 7000 Kleinkinder waren, denen neben ausreichender Verpflegung vor allem jede medizinische Hilfe verweigert wurde, nannte die Zeitung 'Politiken' erschreckend und inhuman.

Als genauso schlimm stufte das Blatt die 'massive Verdrängung' der Flüchtlingsschicksale im eigenen Land ein, denn bisher galt im dänischen Alltag als Allgemeingut, dass man seinerzeit die insgesamt 200 000 bis 250 000 Flüchtlinge aus dem deutschen Osten hochanständig behandelt hat. Diesem Mythos auf den Grund gegangen ist die nebenbei Geschichte studierende Oberärztin Kirsten Lylloff

Sie wunderte sich über die hohe Zahl von deutschen Säuglings- und Kindergräbern auf einem Friedhof ihres früheren Wohnortes Aalborg. Als sie ein halbes Jahr lang Material sammelte, wurden ihr bereitwillig alle Archive geöffnet. Umso größer war die Überraschung der Amateurhistorikerin, dass sie überall auf schockierende Zahlen und Berichte stieß.

Allein 1945 sind nach Lylloffs Erhebungen 13.492 deutsche Flüchtlinge in dänischen Flüchtlingslagern gestorben. Mehr als 7000 davon waren Kinder unter fünf Jahren, von denen die meisten neben Unterernährung oder Flüssig-keitsmangel - laut Lylloff - an durchaus heilbaren Krankheiten wie Magen- und Darm-Infektionen sowie Scharlach, starben.

Die dänische Ärztevereinigung verweigerte den in Lagern internierten Flüchtlingen aber durchgehend bis 1949 ebenso jede medizinische Hilfe wie das Rote Kreuz. `Wie kann man Säuglinge und Kleinkinder als Feinde ein-stufen', meint Kirsten Lylloff.

Der jetzige Generalsekretär des Dänischen Roten Kreuzes, Jörgen Poulsen: 'Es tut weh, das zu lesen'. Auch aus dem Ärzteverband hieß es, dass die damalige Abweisung aller Bitten um ärztliche Hilfe 'auch durch noch so gute Entschuldigungen nicht zu rechtfertigen ist'.

Verbands-Chef Torben Pedersen warnte mit Historikern vor überzogenen Schlussfolgerungen. Die politische Stimmung in Dänemark nach fünf Jahren der Besetzung durch Nazi-Deutschland mit einem Weltkrieg und immer furchtbareren Berichten über die systematische Vernichtung der Juden habe nun mal eine gewaltige Rolle beim Verhalten gegenüber deutschen Flüchtlingen gespielt.

Allerdings gab es bei der unerbittlichen Linie gegenüber den Flüchtlingen wohl auch ein nüchternes Kalkül: 'Offiziell erklärte der Ärzteverband, es schade dem dänischen Verhältnis zu den Alliierten, wenn man deutschen Flüchtlingen Hilfe leisten würde'.

Tatsächlich hatte Dänemark enorme Schwierigkeiten, von den Siegermächten nicht als 'Kollaborateur' eingestuft zu werden. Statt wie etwa die Nachbarn in Norwegen militärischen Widerstand zu leisten, hatte sich die Kopenhagener Regierung 1940 kampflos der Wehrmacht ergeben und ihr Land Hitler als willigen Lieferant von Lebensmitteln für die Wehrmacht angedient.

Als Gegenleistung wurde Dänemark von den Besatzern relativ milde behandelt und blieb vom Krieg selbst ver-schont.