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Brief an Präsident Wilson

 

Wien, am 13. November 1918

 

Die Landesregierung für Deutschböhmen hat heute an den Präsidenten Wilson durch die schwedische Gesandtschaft folgende Kabeldepesche abgehen lassen:

Herr Präsident!

 

Sie haben in Ihrer letzten Botschaft an die vom alten österreichischen Staat und der bisher herrschenden Dynastie befreiten Völker als Richtschnur für die Aufrichtung und Sicherung der Freiheiten der Nationen Österreichs den Grundsatz aufgestellt, daß die einzelnen Nationen sich jedes gewaltsamen Eingriffes in die rechte anderer Nationen enthalten müssen.

Sie haben wiederholt und feierlich das Selbstbestimmungsrecht aller Nationen als die Grundlinie der Teilnahme des nordamerikanischen Volkes an dem Befreiungswerk der Völker verkündet.

Im Namen der zweieinhalb Millionen Deutschen in Böhmen, welche sich unter Berufung auf dieses Selbstbestimmungsrecht als einen Bestandteil der freien deutschen Republik betrachten, erheben wir den schärfsten Widerspruch gegen die Vergewaltigungen, welchen unser Staatsgebiet durch Truppen des Czecho-slovakischen Staates ausgesetzt ist.

Es ist klar, daß der Czecholslovakische Staat die deutschböhmische Bevölkerung mit allen Mitteln der Gewalt und Erpressung zum Verzicht auf ihr Selbstbestimmungsrecht bewegen und dadurch einen Zustand schaffen will, welcher der freien Vereinigung der Völker auf der Friedenskonferenz vorgreift.

Wir wenden uns an die gesamte gesittete Welt, wenn wir Sie, Herr Präsident, zum Zeugen dieser Gewalttätigkeiten und imperialistischen Angriffe der des Czecho-slovakischen Staates aufrufen und unter der Betonung des von Ihnen feierlich verkündeten Rechtes der Nationen, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, das Verlangen stellen, uns in unserem aufgezwungenen Kampfe beizustehen und nicht zuzulassen, daß wir durch die Anwendung von Gewalt von diesem Selbstbestimmungsrecht ausgeschlossen werden.

Lassen Sie, Herr Präsident, keinen Zweifel darüber, daß die Ansprüche der Tschecho-Slovaken vor dem unzweifelhaften Rechte Deutschböhmens halt machen müssen, gleichgültig welche Lage der Czecho-Slovakische Staat mittlerweile durch Gewaltan-wendung geschaffen hat.

 

Reichenberg, den 12. November 1918

Im Namen und im Auftrage der Landesvertretung Deutschböhmens:

Lodgman                    Seliger                    Meixner

 

Quelle: Wiener Zeitung, vom 13. November 1918

 

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wrz&datum=19181113&seite=4&zoom=45