Sudetendeutsche, Heimatvertriebene, Haus der Heimat in Wien, Sudetendeutscher Heimattag, Märzgedenken, Zeitgeschichte, Böhmen-Mähren, Sudetendeutscher Pressedienst, Sudetenpost, Publikationen
Vertreibungspläne britischen Ursprungs?

 

Wien, am 30.7.2012

Britischer Ursprung Tschecho-Slowakischer Vertreibungspläne?

In einem 2006 erschienenen Buch1 überrascht der britische Historiker Martin David Brown mit der Enthüllung, nicht Tschechen sondern Engländer hätten die menschenrechtsverletzenden Nachkriegs-Vertreibungspläne für die tschechoslowakische Regierung entwickelt.

Dies begann im September 1939 am ‘Royal Institute for International Affairs/Königliches Institut für Internationale Angelegenheiten’ (RIIA) an der Balliol Universität in Oxford mit einer von derbritischen Regierung in Auftrag gegebenen Denkschrift zu Bevölkerungtransfers, im Zusam-menhang mit Studien von Problemen, die bei einer Friedensregelung nach dem Krieg zu erwarten waren, und wurde später in dem Foreign Office/Außenministerium angegliederten Foreign Research and Press Service/Auslandsforschungs und -pressedienst (FRPS) vollendet.

Eines der zu behandelnden Themen war ‘Transfer von Minderheiten/Transfers of Minorities’ und sollte Antworten auf Fragen finden wie:

‘Welche deutsche und/oder nichtdeutsche Minderheiten plant Hitler zu transferieren? Welche Minderheiten-probleme können durch Bevölkerungsverschiebungen geregelt werden? Welche Bedeutung haben die in den 1920er Jahren durch-geführten Greco-türkischen und andere Bevölkerungsaustausche auf potentielle Nachkriegsprobleme?

Verantwortung für die Behandlung dieses Themas trug Sir John Hopes Simpson, der gerade eine gründliche Studie über Flüchtlingsprobleme in Europa mit Hilfe eines Assistenten, John David Mabbott, vollendet hatte.

Am Ende war es Mabbott und nicht Simpson, der eine Stellungnahme zu anstehenden Problemen zu Papier brachte.Mabbott, ein mit Minderheitenproblemen in Osteuropa vertrauter Akademiker und politischer Philosoph, betitelte seine Arbeit, die er Ende Mai 1940 vorlegte, ‘Der Austausch von Minderheiten/The Transfers of Minorities’.

Darin kommt er zu dem folgenschweren Schluss, dass Bevölkerungs-Transfers nicht nur durchführbar sind, wie die in den 1920er Jahren stattgefundenen Bevölkerungsaustausche und Hitlers Ansichten dazu beweisen, sondern dass es für die von der ethnischen deutschen Minderheit in der Tschecho-slowakei verursachten Probleme nicht nur die beste, sondern vermutlich auch die einzig mögliche Lösung darstellt.

Mabbott diskutierte viele Einzelheiten der ‘Transfers’, unter anderem eine damit zusammenhängende moralische Verurteilung, Bewertung sozialer Konsequenzen und finanzielle Kosten. Er empfahl, groß angelegte ‘Transfers’ nur mit internationaler Zustimmung und unter multinationaler Zusammenarbeit durchzuführen.

Mabbotts Arbeit wurde in mindestens zwei getrennten Sitzungen in der Balliol Universität am 20. und 24. Mai 1940 beraten, wahrscheinlich in Anwesenheit Benešs, mit folgender Schluss-folgerung:

Mit Bevölkerungsaustausch verbundene Für und Wider erfordern eingehende Beratungen.

Es war nicht Herrn Mabbotts und seiner Berater Absicht, politische Empfehlungen zu machen. Zwar sollten sie alle möglichen, mit Bevölkerungsaustauschen verbundenen Probleme er-örtern, nicht aber ihre Anwendung zu empfehlen.

Die einfach erscheinende Methode eines Bevölkerungsaustauschs zur Lösung von Minder-heitenproblemen darf nicht leicht genommen werden; sie sollte überhaupt nur dann in Betracht gezogen werden, wenn ein Minderheitenproblem international so gefährlich oder so hoffnungs-los geworden ist, dass jede andere angemessenere Lösung aussichtslos erscheint.

Nur wenn Nationalismus in seinen extremsten Formen existiert, oder wenn aus historischen oder anderen Gründen es überhaupt keine Chance einer Kooperation zwischen Mehrheit und Minderheit geben kann, sollte solch eine Gewaltlösung wie Bevölkerungstransfer in Betrachtgezogen werden.

Zwar war Mabbotts Richtlinienbericht damals (noch) nicht Teil offizieller britischer Vertreibungspolitik, er war eine erste systematische Untersuchung, ob und wie Massenvertreibungen ethnischer Deutscher in Ost-Mitteleuropa nach dem Krieg durchzuführen sind.

Leider setzte sich bei einer steigenden Zahl von Beamten im britischen Außenministerium während der 1940er Jahre die Überzeugung durch, dass die ‘Sudetendeutschen Frage’ ein in solchem Masse schwierig gewordenes Problem geworden war, dass nur Bevölkerungstransfer als Lösung in Frage kam

.Damit wurden Ende 1940 Pläne für eine brutale Zwangsausweisung der sudetendeutschen Bevölkerung fester Bestandteil britischer Außenpolitik. Im Dezember 1943 folgte dann die Gründung eines ‘Interminis-teriellen Komitees zum Transfer der deutschen Bevölkerungen / Interdepartmental Committee on the Transfer of German Populations’ unter Troutbeck, das sich mit der Vertreibungsfrage offiziell beschäftigte.

Es war der britische Historiker, Tschechophile und Mitarbeiter im Foreign Office, R.W. Seton-Watson

2, der Beneš eine Kopie von Mabbotts ‘streng geheim’ gestempelter Originalschrift in die Hände spielte. Ähnlichkeiten zwischen Mabbotts Ansichten und Benešs endgültigen Vertreibungsplänen beweisen, dass sie auf ‘fruchtbaren’ Boden fielen

3. Die Tschechen und Slowaken brauchten sich um die Entwicklung einer praktischen Vertreibungspolitik kaum Gedanken machen; die Briten besorgten es für sie. Tschechen und Slowaken konnten ihre ganze Energie auf die Brutalität konzentrieren, mit der sie die Deutschen entrechten, enteignen und vertreiben wollten.

Welchen Einfluss Beneš persönlich auf die Entwicklung der britischen Vertreibungspläne nahm, ist anhand von Browns Schilderungen schwer festzustellen. Er erwähnt allerdings, (auf S. 271, 3rd Par.), dass das erste Mabbott-Dokument aus einer Reihe von Begegnungen Benešs mit britischen ‘radical thinkers/Radikaldenkern’ hervor gegangen ist. Eine nähere Erklärung darüber bleibt Brown uns zwar schuldig, aber die Vermutung liegt nahe, dass Benešs Einfluss beachtlich gewesen war. Nachweisbar hat Beneš die Massenvertreibung Sudetendeutscher als Lösung des tschechoslowakischen Minderheitenproblems zum ersten Mal in einer Rede vor der Royal Society am 22. Januar 1940 erwähnt. Er wiederholte diese mögliche Lösung auf von RIIA veranstalteten Konferenzen in Oxford am 8. März und 4. April.

Das, so folgert Brown, ‘erwies sich als eine bedeutungsvolle Entwicklung, weil sie Gegenstand einer Forschungsarbeit im vom Außenministerium finanzierten FRPS wurde’. Somit scheint es erwiesen, dass das britische Außenministerium und die tschechoslowakische Exilregierung bei der Vorbereitung des Völkermords an den Sudetendeutschen Hand in Hand gearbeitet haben.

___________________________________________________________

1

David Martin Brown “Dealing with Democrats-The British Foreign Office and the Czechoslovak

Emigres in Great Britain, 1939-1945" Peter Lang GmbH Europäischer Verlag der Wissenschaften,

Frankfurt am Main 2006, 413 S.

2

Eine besondere Schlüsselfigur im Außenministerium in jener Zeit wurde der Tschechophile Robert Seton-Watson, ein enger Freund des ersten tschechoslowakischen Präsidenten T. G. Masaryk und Benešs. Masaryk und Seton-Watson begegneten sich ein einmal im Herbst 1914 in Rotterdam. Masaryks Holland-Besuch diente damals der Errichtung einer ‘provisorischen Propaganda Zentrale mit Hilfe Henry Wickham Steeds, politischer Redakteur der Times und davor lange Zeit Korrespondent dieser Zeitung in Wien. Steed ging 1913 nach London zurück und hatte als britischer Experte für Österreich-Ungarn und Auslandsredakteur der Times gute Beziehungen zum Foreign Office, in das er Seton-Watson einführte. Steed kannte Masaryk seit langem und lieferte ihm häufig Staatsgeheimnisse Österreich-Ungarns aus, die der Spion Masaryk, in seinen Schuhsolen oder im Korsett seiner Tochter versteckt über die Grenze schmuggelte. Im Herbst 1914 war Steed verhindert und delegierte Seton-Watson, sich mit Masaryk zu treffen, um ihm eine Menge, zum Teil ‘sensationelle’, Geheiminformationen zu übergeben (nachzulesen in Josef Kalvoda "Genesis of Czechoslovakia", East European Monographs 1986, 673 Seiten).

Seton-Watson war einer der Befürworter der Zerstörung Österreich-Ungarns und Unterstützer der Idee der Gründung nationaler unabhängiger Staaten in Mitteleuropa. Mit Nicolson und Vansittart reiste er 1919 nach Paris, um an den Verhandlungen über die Grenzen der neuen Tschechoslowakei und die Eingliederung gegen ihren Willen von dreieinhalb Millionen ethnischer Deutscher in diesen Staat teil zu nehmen. Somit gehörte der Tschechophile Seton-Watson zur britischen Elite, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs und für Jahrzehnte danach britische Außenpolitik in Mitteleuropa protschechisch und anti-deutsch beeinflusste. Das war besonders bedeutsam für die sich entwickelnde Sudetendeutsche Frage’, in der verschiedene der früheren PID Angestellten hervorragende, wenngleich unerkannte Rollen spielen sollten. Beneš und seine Vertreibergehilfen brauchten den Prinzipien der Vertreibung weniger Aufmerksamkeit zollen, als bisher angenommen wurde. Das besorgten die Briten für sie.

3

Fünf Jahre vor dem Bekanntwerden mit Browns Buch entdeckte ich im Archiv der Hoover Institution on War, Revolution and Peace an der Stanford Universität in Palo Alto unter den Taborsky-Papieren den Entwurf einer Arbeit “Minority Regimes and the Transfer of Populations in Central Europe after this War”. Er war ohne Datum und ohne Unterschrift, könnte aber aufgrund seines Inhalts und nach dem neuesten Stand der Erkenntnisse eine der von J.D.Mabbotts verfassten Denkschriften zum Vertreibungsproblem sein.

Dr. Rudolf Pueschel

Roseville, Kalifornien/USA