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Vertraute Ortsnamen

 

Wiener Zeitung vom 6.Juni 2012:
Sedlaczek am Mittwoch
 
Bitte die vertrauten Ortsnamen verwenden!
Manche Austragungsorte der EURO 2012 sind für Journalisten eine harte Nuss. Das zeigen die Vorberichte.
 
Von kommendem Freitag an werden sich die besten Fußballnationen Europas im Wettstreit mit-einander messen. Österreich ist nicht dabei, aber die Spiele werden auch hier mit Interesse verfolgt. Gespielt wird an je vier Orten in Polen beziehungsweise in der Ukraine, die meisten Ortsnamen gibt es in mehreren Varianten.
 
Der Chefsprecher des ORF, Herbert Dobrovolny, hat die Parole ausgegeben, dass die Städte so ausgesprochen werden sollen, wie es im Deutschen üblich ist. Ich sehe das genauso. Wir fahren ja auch nach Mailand und nicht nach Milano (italienisch) oder Milan (lombardisch), die dortigen Fuss-ballclubs nennen wir AC Mailand und Inter Mailand. Warum sollte also die Gruppe B in Lwiw spielen und nicht in Lemberg?
 
Unter Lwiw können sich nur wenige etwas vorstellen, Lemberg ist ein gängiger Begriff. Dass Lemberg einmal zur Habsburgermonarchie gehört hat und wir das Wort deshalb nicht verwenden dürfen, halte ich für ein überzogenes Argument.
 
Auch Wien hat im Ausland verschiedene Namen. Im Englischen, Italienischen, Spanischen, Portu-giesischen ist Wien als Vien(n)a bekannt, im Französischen als Vienne. Im Niederländischen ist Wenen gebräuchlich. Eine eigenständige Bildung sind Becs im Ungarischen und Bec im Kroatischen und Serbischen. Die slowenische Bezeichnung für Wien, Dunaj, verweist auf die Donau - diese heißt aber im heutigen Slowenischen Donava. Auf Tschechisch heißt unsere Bundeshauptstadt Viden, auf Slowakisch Vieden und auf Polnisch Wieden.
 
Wir können also auch bei den EM-Spielorten ruhigen Gewissens die deutschen Bezeichnungen verwenden - sofern solche existieren: Warschau, Danzig, Posen und Breslau - Kiew (gesprochen mit f am Schluss), Lemberg, Charkiw (gesprochen mit ch am Anfang und f am Schluss) und Donezk.
 
Niemand wird verlangen, dass wir Warszawa, Gdansk, Poznan oder Wrozlaw sagen. Von der ukrainischen Hauptstadt gibt es eine ukrainische Variante, Kyjiw, und eine russische, Kiew. Die russische ist im Deutschen die gängige. Bei der zweitgrößten Stadt der Ukraine ist Charkiw die ukrainische Variante und Charkow die russische. Im deutschen Sprachraum wird die ukrainische Form bevorzugt. Der Club Metalist Charkiw hat in der Uefa-Euro-League in den letzten Jahren beachtliche Erfolge erzielt und zur Verbreitung des Namens Charkiw beigetragen.
 
Besonders an der Frage Lemberg (deutsch und jiddisch) oder Lwiw (ukrainisch) oder Lwow (russisch und polnisch) scheiden sich die Geister. Weil in dieser Stadt viele verschiedene ethnische Gruppen gelebt haben und leben, gibt es viele verschiedene Bezeichnungen für diesen Ort. Sie bedeuten allerdings ein und dasselbe: Löwenberg. Von 1772 bis 1918 war die Stadt österreichisch, deshalb ist sie auch in unseren Geschichtsbüchern mit der damaligen Bezeichnung Lemberg vermerkt. Dass einige Zeitungen und auch ORF.at sich für Lwiw entschieden haben, mutet seltsam an. Lwiw verhält sich zu Lemberg wie Brno zu Brünn.
 
Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".
 
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