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EM 2012 und Deutsch

 

 

 

Wien , 13.Juni 2012
KLEINE ZEITUNG vom DIENSTAG, 12. JUNI 2012
 
Breslau oder Wrocław, das ist hier die Frage
Eine kleine Namenskunde für Polen und die Ukraine: Heißt es politisch korrekt
Warszawa oder doch Warschau? Bei Charkow und Charkiw ist beides möglich.
ULRICH KRÖKEL, Warschau
 
Mit der Ortsmarke Warschau beginnen in diesen EM-Wochen viele Texte. Oder muss es Warszawa heißen? So nennen immerhin die Polen ihre Hauptstadt. Das ist Unsinn, natürlich, auch wenn die liebevolle Abkürzung ,,WaWa" ihren Reiz hat. Aber Warszawa? Wir sagen ja auch nicht Moskwa oder Lisboa. Doch wie steht es um Posen und Poznań oder Danzig und Gdańsk? Noch schlimmer: Darf sich der deutsche Reporter aus dem schlesischen Breslau melden, oder muss er ,,Tor in Wroclaw!" rufen und vorher lange trainieren, damit er sich dabei nicht die Zunge bricht?
 
Die Frage ist historisch sensibel. Danzig/Gdańsk, Posen/ Poznań und Breslau/Wrocław waren jahrhunderte-lang nicht nur Orte der Begegnung zwischen Deutschen und Polen. Sie waren vor allem umkämpft. Die Wehrmacht fiel 1939 mit dem Schlachtruf ,,Danzig muss wieder deutsch werden!" über Polen her. Noch lange nach dem Krieg propagierten Vertriebene die Losung ,,Schlesien ist unser". Manche träumen bis heute davon. ,,Warum sagt ihr immer noch Breslau, obwohl es längst Wroclaw ist?", fragen sie.
 
Sauber zu trennen sind die historisch-politische und die sprachliche Dimension nicht. Ein paar Hinweise für eine kleine Namenskunde lassen sich aber geben. Überall dort, wo es eine gängige deutsche Fassung gibt, ist diese zulässig. Kein Mensch sagt Milano, Praha oder Strasbourg, genauer: Kein Deutscher sagt das, auch wenn das elsässische Straßburg eine ähnlich schwierige Geschichte hat wie Danzig/Gdańsk. Und selbstredend heißt es Mailand und Prag. Also bleibt Breslau auch Breslau, und der Kelch, Wroclaw richtig aussprechen zu müssen, geht an Gerhard Delling und Co. vorbei. Im Übrigen sagen die Polen Lipsk und Monachium, wenn sie Leipzig und München meinen.
 
Charkiw oder Charkow
Wie aber steht es um das ukrainische Charkiw, das die meisten Deutschen Charkow nennen? Schwierig! Charkow ist der russische Name. Offiziell und ukrainisch heißt es Charkiw. Auch hier spielt die Geschichte hinein. Die Russen haben Charkow gegründet, und die Stadt gehörte über Jahr-hunderte zum Zarenreich. Heute aber ist Charkiw ukrainisch. Der Vergleich mit Breslau/ Wroclaw wiederum hinkt gleich auf beiden Füßen, denn niemand wird den Russen verbieten wollen, Charkow zu sagen. Warum aber sollten die Deutschen den russischen Namen übernehmen?
 
Charkiw ist politisch korrekt. Charkow bleibt aber als deutsche Variante gebräuchlich. Schließlich käme auch niemand auf die Idee, in vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Ukrainern Kyiv zu schreiben. Die russische Version ist auch in diesem Fall die gängige deutsche Variante: ,,Elfmeter in Kiew!", heißt es. Und ,,Schlusspfiff in Lemberg!", nicht in Lwiw (ukrainisch) oder Lwów (russisch). Das ist zwar wie im Falle Breslau/Wrocław heikel, denn die galizische Metropole war nur vorübergehend österreichisch. Aber Lemberg ist als deutscher Name in der Welt, er sollte den Vorzug erhalten. Die Polen übrigens, zu deren Königreich die Stadt lange gehörte, sagen Lwów. Niemand in Polen käme auf die Idee, von Lwiw zu reden. Das wiederum führt die Forderung nach Wroclaw statt Breslau erst recht ad absurdum.
 
Und die Moral von der Geschichte? Man hätte alle EM-Spiele in Donezk austragen sollen. In dem Fall gibt es keine zwei Meinungen. Polen, Russen, Ukrainer und Deutsche sagen Donezk - mit leichter Akzent-verschiebung. Aufbegehren könnten höchstens die Briten. Gegründet hat die Stadt John Hughes als Jusowka (Hughes-owka). Donezk heißt das zwischenzeitliche Stalino erst seit 1961. Im Übrigen war Hughes Waliser, und so sollten die Engländer Ruhe bewahren, wenn sie in Donezk ihr Vorrundenspiel gegen die Ukraine austragen. Es heißt übrigens Ukra-ine, nicht Ukraine wie Main. So jedenfalls sagen es die Ukra-iner. Andererseits: Ukraine statt Ukra-ine gilt als mögliche einge-deutschte Variante. Sie dürfen es sagen.