Sudetendeutsche, Heimatvertriebene, Haus der Heimat in Wien, Sudetendeutscher Heimattag, Märzgedenken, Zeitgeschichte, Böhmen-Mähren, Sudetendeutscher Pressedienst, Sudetenpost, Publikationen

Ilse Tielsch hat die Erinnerung an ihre sudetendeutsche Heimat beschworen

Utl.: am 20. März 2014 feiert sie ihren 85. Geburtstag!

Geboren am 20. März 1929 als Ilse Felzmann in der südmährischen Stadt Auspitz, beschäftigte sie sich - beeinflusst durch die Atmosphäre im Elternhaus , in dem Künstler und Literaten verkehrten - schon früh mit Dichtung und Theaterspiel. Schon als Kind verfasste sie die ersten Gedichte.

Im April 1945 fand sie auf der Flucht vor der nahenden Front Aufnahme auf einem Bauernhof im oberösterreichischen Schlierbach, wo sie Landarbeit verrichtete. Es gelang ihr jedoch, den unter-brochenen Schulbesuch im Herbst in Linz fortzusetzen und 1946 zu den inzwischen aus Mähren vertriebenen und über Niederösterreich nach Wien gelangten Eltern zurückzukehren.

Nach der Matura 1948 begann sie an der Universität Wien das Studium der Zeitungswissenschaft mit dem Nebenfach Germanistik, das sie 1953 mit der Promotion beendete (Dissertation: Die Wochenschrift “Die Zeit” als Spiegel literarischen und kulturellen Lebens in Wien um die Jahrhundertwende). 1949 wurde ihr die österreichische Staatsbürgerschaft zuerkannt.

Durch ihren Studienkollegen Erich Neuberg fand die vom Theaterleben Wiens faszinierte Studentin Anschluss an den Kreis um das “Theater der Neuundvierzig” im Café Dobner, zu dem damals unter anderen der junge Helmut Qualtinger gehörte.

Nach der 1950 erfolgten Heirat mit Rudolf Tielsch und der Geburt des ersten Kindes (von ins-gesamt vier) sah sie sich jedoch gezwungen, ihr Studium und Lebensunterhalt durch Brotarbeit zu verdienen.

Erst 1964 konnte ihr erstes Lyrikbändchen in der von Rudolf Felmayer betreuten Reihe „Neue Dichtung aus Österreich“ erscheinen. Dieser Publikation schickte sie in einer ersten öffentlichen Lesung folgendes Motto voraus, an das sie sich im Prinzip auch später stets gehalten hat:

Ich pfeife auf Rekorde/ wenn alle rennen/ will ich die Letzte/ irgendwo weit hinten/ wo es noch leise ist/ meine eigenen/ langsamen Wege gehen.

Drei in dieser Zeit entstandenen Hörspiele wurden vom ORF gesendet, 1974 erschien ein erster Prosaband. In der literarischen Form der satirischen Erzählung übte Tielsch Zeit- und Gesell-schaftskritik. Die ersten Bücher veröffentlichte sie unter dem Doppelnamen Tielsch-Felzmann, änderte diesen Namen jedoch ab 1979 auf Rat Hans Weigels überwiegend in Ilse Tielsch.

1980 erscheint der Roman „Die Ahnenpyramide“, von der Kritik gelobt, vom Publikum geschätzt – ihr literarischer Durchbruch.

In diesem sich über vier Jahrhunderte erstreckenden Familienepos geht es um das Haupt- und Herzensthema der Autorin: um die Vergangenheit und um den Verlust ihrer Heimat.

Zusammen mit den Folgebänden „Heimatsuchen“ und „Die Früchte der Tränen“ schafft die Autorin ein von der gesamten Fachwelt anerkanntes Werk über die Siedlungs- und Kulturge-schichte Südmährens am Beispiel einer Familie bis hin zur Vertreibung nach Österreich.

Fritz Hochwälder schrieb im Oktober 1980 in einem Brief an den Verlag Styria:

„Ilse Tielschs Roman „Die Ahnenpyramide“ habe ich mehrmals mit Erschütterung gelesen. Ich sage nicht zu viel, wenn ich dieses Werk als den Roman unseres verheerenden Jahrhunderts bezeichne.

Irgendwie erinnert mich diese Geschichte von der Austreibung und Vernichtung der Siedler in Böhmen und Mähren an „Die Buddenbrooks“. Bei Mann handelt es sich um den Verfall einer Familie, bei Tielsch hingegen um die Tragödie der Vernichtung eines friedlichen Volkes, das sich Heimat geschaffen hatte, und ihrer im Strudel einer Wahnsinnszeit verlustig ging. Dabei – und das war bei zweimaliger Lektüre wohl der nachdenklichste Gewinn, den ich dem Werk entnahm: es ist ein großes und stilles Buch.

Ich wünsche der Dichterin und ihrem Roman eine zahlreiche Leserschaft und grüße sie unbekannterweise, selbst der Sohn eines Mannes, der aus Schlesien stammte, aus Hnojnik.“

Ihre Werke und Auszeichnungen:

1955 bis 1964 Lehrtätigkeit an einer Wiener kauf­männischen Berufsschule;

1964    erster Gedichtband: "In meinem Orangengarten";   freiberufliche Schrift­stellerin;

1965    Förderpreis für Literatur des Theodor-Körner-Stiftungsfonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst;

1967    "Herbst mein Segel". Gedichte;

1969    "Südmährische Sagen";

1970    "Anrufung des Mondes". Gedichte;

1970    "Der Zug hält nicht in Bevignon". Hörspiel;

1971    "Ein Licht im Nebel". Hörspiel;

1971    "Begräbnis eines alten Mannes". Hörspiel;

1971    Boga-Tinti-Lyrikpreis des Presseclub Concordia

1971    Würdigungspreis des Landes Niederösterreich für Literatur;

1972    Ehrengabe des Andreas-Gryphius-Preises der Künstlergilde Esslingen;

1974    erster Prosaband: "Begegnungen in einer steirischen Jausenstation";

1975    "Regenzeit". Gedichte;

1977    "Ein Elefant in unserer Straße". Erzählungen;

1979    "Erinnerung mit Bäumen". Erzählung;

1980    "Die Ahnenpyramide". Romantrilogie I;

1981    "Nicht beweisbar". Gedichte;

1981    Südmährischer Kulturpreis;

1982    "Heimatsuchen". Romantrilogie II;

1983    Kulturpreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft;

1984    "Fremder Strand". Erzählung;

1986    "Zwischenbericht". Gedichte;

1987    "Der Solitär". Erzählung;

1987    Preis der Harzburger Literaturtage

1988    "Die Früchte der Tränen". Romantrilogie III;

1989    Literaturpreis der Österreichischen Industrie – Anton Wildgans

1989    Andreas-Gryphius-Preis

1989    Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst;

1991    "Die Zerstörung der Bilder". Prosa;

1995    Wolfgang-Amadeus-Mozart-Preis der Goethe-Stiftung Basel;

1996    "Gespräch mit dem Lehrer Leopold H". Hörspiel;

1998    "Lob der Fremdheit". Gedichte;

1998    Schönhengster Kulturpreis;

1998    Eichendorff-Literaturpreis;

1999    "Eine Winterreise". Prosa;

2000    "Der August gibt dem Bauern Lust". Geschichten;

2000    Berufung in die Sudetendeutsche Akademie der Wissenschaften und Künste;

2000    Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien;

2004    "Ausgewählte Gedichte";

2006    "Das letzte Jahr". Erzählung;

2009    "Unterwegs. Reisenotizen und andere Aufschrei­bungen";

2010    "Dorn im Fleisch". Ausgewählte Gedichte;

2011    "Manchmal ein Traum, der nach Salz schmeckt". Gesammelte Gedichte;

            mehrere Buchprämien des Öst. Bundesministeriums für Unterricht und Kunst

Auch aus dieser unvollständigen Zusammenstellung ist zu ersehen, wie vielfältig das Werk von Ilse Tielsch sich dem Interessierten darstellt. Und was nicht aus allen Titeln herauszulesen ist:

Die unablässige Auseinandersetzung mit dem Erlebnisbereich Heimat – Vertreibung. Heimat ist, sagt Ilse Tielsch, „wo du das Recht hast zu leben, zu sterben, begraben zu werden, wo wir unseren unverwechselbaren Dialekt gelernt haben, wo mein Bewusstsein geprägt worden ist, wo man Kindern sagen kann: Das ist eure Heimat!“

Ilse Tielsch war u. a. auch in zahlreichen Vereinigungen tätig, so war sie von 1990-1999 erste Vizepräsidentin des österreichischen P.E.N. Clubs, Mitglied des österreichischen Schriftstellerverbandes und der österreichischen Gesellschaft für Literatur.

Ihre Texte, Gedichte und Bücher wurden in bisher 24 Ländern publiziert und in deren Sprachen übersetzt!

Und noch eine Stimme eines berühmten Mannes sei hier angefügt: Hans Weigel der bekannte Schriftsteller und gefürchtete Theaterkritiker meinte zum Erscheinen ihres Buches „Ein Elefant in unserer Straße“:

„Wenn der Kafka und der Orwell als gemeinsame Tochter die Ilse Aichinger gehabt hätten, und die wiederum eine Verbindung mit Herzmanovsky-Orlando eingegangen wäre, dann wäre die Ilse Tielsch-Felzmann herausgekommen, mit Mark Twain als Vater.“

Man muss sich diese Urteile der Fachgelehrten überlegend bewusst machen, das Gewicht dieser Wertschätzung nachempfinden, schließlich durch eigene Lektüre von dem erstaunlichen Gehalt der Werke vergewissern, um Ilse Tielschs Rang und Platz in der Literatur deutscher Sprache zu ermessen.

Am 20.März gehen unsere Gedanken und Glückwünsche zu Dr. Ilse Tielsch nach Wien. Danken wir einer Autorin, die wahrlich für uns sprechen kann und dies in einer zugleich kunstvollen und höchst wahrhaftigen Weise getan hat und tut, wie sie eben nur dem schöpferisch begabten Menschen gegeben ist.

Zum Abschluss ihr erstes Gedicht, abgedruckt in der „WEGWARTE“ – dem Wochenblatt der Südmährer in Österreich –  am 10. Sept. 1955:

 

Ich bin kein Kind der Stadt

 

Ich bin kein Kind der Stadt,

mein Kindsein in den Hügeln

war bunt von Falterflügeln

und grün von Baum und Blatt

 

Mein Himmel war so weit

ein Blick ins Grenzenlose,

am Rain die Heckenrose

schien mir Glückseligkeit

 

Und Ostern war so warm

von Primeln gelb die Weide,

schneeweiß wie neue Seide

lag mir ein Kitz im Arm

 

Ich bin kein Kind der Stadt

es schreckt mich noch zuweilen

ihr Lärm, ihr Vorwärtseilen,

das keine Seele hat

 

Und manchmal noch – im Traum,

geh ich auf alten Wegen

und seh im Sommerregen

den großen Apfelbaum

 

die Blätter leis bewegen …

nur manchmal noch – im Traum –

und auch der kleinste Raum

ist so voll Segen …