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   Mai 2013

 

Schein und Sein

Von Manfred Maurer

 

Die Freundschaft zwischen den Staatschefs Heinz Fischer und Miloš Zeman in Ehren, aber eine etwas deutlichere Sprache hätte gerade eine echte Freundschaft schon verdient. Ohne Zweifel hat sich das Verhältnis zwischen Österreich und Tschechien in letzter Zeit deutlich entspannt.

Die vor wenigen Tagen eröffnete grenzüberschreitende oberösterreichisch-südböhmische Landesaus-stellung ist ein sichtbares Indiz dafür. Möglich wurde diese Entwicklung aber vor allem, weil Österreich die Politik der leisen Töne pflegt und es nicht auf lautstarke Auseinandersetzungen ankommen lässt.

Das Konfrontative ist dem Österreicher (insbesondere dem Sudetendeutschen) eher fremd. Er bevorzugt die konsensuale Interaktion, was allerdings bei allen Vorteilen des friedfertigen Umganges miteinander auch die Gefahr in sich birgt, in Auseinandersetzungen untergebuttert zu werden. Diese Gefahr ist umso größer, je mehr das Gegenüber die Harmoniesucht zu seinem Vorteil ausnützt, was Tschechien sicher tut.

Denn bei aller Freundlichkeit und ungeachtet der immer wieder beschworenen „hervorragenden Beziehungen“ hat sich in den beiden zentralen Konfliktbereichen Temelín und Vertriebene in der Sache nur wenig im Sinne Österreichs bewegt:

Das AKW läuft und soll ungeachtet aller Proteste auch noch ausgebaut werden, die Beneš-Dekrete gelten nach wie vor. Solange dies so ist, bilden freundschaftliche Präsidentenkontakte nicht die ganze Realität des Nachbarschaftsverhältnisses ab. Hier ist noch mehr Schein als Sein.

An diesem Befund ändern auch (noch) nichts die durchaus bemerkenswerten Kommentare des tschechi-schen Ministerpräsidenten Nečas zu Zemans Wien-Besuch. Es blieb dieses Mal nämlich nicht ausschließ-lich der Sudetendeutschen Landsmannschaft und ihrem Bundesobmann Zeihsel vorbehalten, sich kri-tisch über den Staatsgast zu äußern.

Erstmals wurde ein tschechischer Präsident auch daheim wegen seiner Äußerungen über die Sudeten-deutschen vom Regierungschef gerüffelt. Bis vor kurzem war die Pflege des sudetendeutschen Feind-bildes politi­scher Konsens in Tschechien. Immer wieder versuchten wahlkämpfende Politiker – allen voran der heutige Präsident Zeman – Ängste vor Eigentum zurückfordernden Vertriebenen zu schüren.

Selbst wer dabei unter die Gürtellinie zielte, brauchte keinen Widerspruch des politischen Gegners zu befürchten. Mittlerweile ist da einiges in Bewegung geraten:

Dass Nečas seinen Präsidenten wegen dessen Äußerungen in Wien öffentlich maßregelte, ist bemerkens-wert. Er geht zwar nicht so weit wie Karel Schwarzenberg, der im Wahlkampf den Nachkriegspräsidenten Edvard Beneš als Kandidaten für ein Kriegsverbrechertribunal eingestuft hatte, aber das bei vielen beliebte Sudeten-Bashing ist zumindest nicht mehr überall in Prag salonfähig. Das könnte eine Basis sein für echte Aussöhnung. Aber real existiert sie noch nicht. Denn auch Nečas geht es nicht um eine inhaltliche Änderung von Positionen, sondern bloß um ein Bewahren der atmosphärischen Fortschritte.

Ein Teil der tschechischen Führung hat natürlich erkannt, dass verbale Entgleisungen wie die eines Miloš Zeman auch im eigenen Interesse kontraproduktiv sind. Zemans Sprüche zerfressen den Zuckerguss, den man über die bilateralen Beziehungen zu Österreich respektive Deutschland geschüttet hat. Prag weiß, dass es dem Streben nach einer Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tagespolitik nicht förderlich ist, wenn Maulhelden das Thema mit provokanten Wortmeldungen zurück ins mediale Scheinwerferlicht holen.

Solange sich tschechische Politiker allzu beleidigender Sprüche enthalten und ansonsten die „hervorragenden Beziehungen“ unterstreichen, spielen ihre Kollegen in Wien, Berlin und München das Spiel brav mit. Nur deshalb hat Nečas seinem Präsidenten einen Ordnungsruf erteilt. Um den Schein zu wahren.

Dieser Kommentar von Manfred Maurer erschien in der Sudetenpost Folge 5 vom 9. Mai 2013.

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